Erschaffungsmythos - 7. Geschichte

Der Saal der Wächter

it einem dumpfen Krachen schloss sich das Tor hinter den acht Gefährten. Ehrfurchtsvoll blickten sie sich um. Sie befanden sich hier im Inneren des Regenbogenturmes, wo sie zunächst ein kurzer, breiter Gang zu einer großen Halle führte, die sich im Zentrum des Gebäudes befand und kreisförmig angelegt war. Der Raum war riesig hoch, so dass man die Decke nicht erkennen konnte. Eine Wendeltreppe schmiegte sich innen an die runden Mauern, von denen die Halle umgeben war, und führte in unzähligen Windungen empor. Es gab weder Lampen noch Fenster, dennoch durchfloss ein warmes, gedämpftes Licht den gesamten Turm und tauchte alles in eine fast schon feierlich anmutende Atmosphäre.

Langsam stiegen die acht Wächter die Stufen hinauf, Windung für Windung, immer weiter nach oben. Hin und wieder stießen sie dabei auf schmale Gänge, die von der Mittelhalle weg in die kleineren Türmchen hineinführten. Doch jedesmal endete solch ein Gang an einer fest verschlossenen Tür und den Wächtern blieb nichts weiter übrig, als der großen Wendeltreppe im Hauptturm zu folgen.

Nachdem sie eine Ewigkeit lang immer treppauf gegangen waren, erreichten sie endlich das obere Ende der Halle und betraten den darüberliegenden Raum. Im Gegensatz zu der bisher eher schlicht gehaltenen Gestaltung, waren die Wände hier mit Symbolen und Zeichnungen verziert. Der Boden bestand aus einem kunstvoll gefertigten Mosaik, das die unterschiedlichsten Landschaften, Tiere und Pflanzen zeigte und sicherlich aus hunderttausenden von bunten Steinchen in mühevoller Arbeit zusammengesetzt worden war. In der Mitte des Saales befand sich eine runde, dreistufige Erhöhung von etwa zehn Schritten Durchmesser, die aus blaugrünem Mamor bestand. Auf der obersten Stufe des Podestes waren merkwürdige Ornamente in den Boden eingelassen, die sich kreisförmig um ein zentrales Symbol anordneten. Ein Baldachin aus himmelblauem Inx, getragen von acht ebenfalls kristallenen Säulen, überdachte das Ganze.

Die Wächter schauten sich die Zeichen interessiert an. Auf den ersten Blick hin sahen sich diese durchaus ähnlich, doch beim genaueren Hinsehen ließ sich leicht feststellen, dass keines der Bildchen einem anderen völlig glich. Während die Wächter noch eifrig dabei waren, die Zeichen zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, begann eines davon plötzlich zu leuchten. Kay-Thrijs, die das Ornament gerade berührt hatte, wich verdutzt zurück, worauf das Leuchten sogleich erlosch.
"Was war das?" wunderte sich Rakhil, der neben der Wächterin des Eises stand und das Leuchten ebenfalls gesehen hatte. Vorsichtig legte er seine Hand auf das Zeichen, doch nichts geschah und so ließ er enttäuscht davon ab. Kay-Thrijs jedoch war neugierig geworden und wollte sich nicht so leicht zufrieden geben. Erneut näherte sie sich dem Ornament und siehe da, ihre Finger berührten es noch nicht einmal richtig, als es erneut zu leuchten begann. Nun war sich die Wächterin des Eises ihrer Sache sicher. Sie rief ihre Kameraden herbei und zeigte ihnen, was sie soeben entdeckt hatte.

Natürlich erwachte nun auch bei den anderen die Neugier und schnell fand man heraus, dass dieses eine Zeichen nur auf Kay-Thrijs' Berührung reagierte. Aus diesem Grund wandte sich das allgemeine Interesse den übrigen Ornamenten zu.
"Noch sieben weitere Ornamente, also insgesamt acht, ..." Grübelnd zog Kay-Thrijs die Stirn kraus. Dann schlug sie sich mit einem Mal vor den Kopf und rief. "Natürlich, die Lösung liegt doch auf der Hand! Acht Ornamente und acht Wächter! Dieser Turm und auch all das hier ist irgendwie für uns bestimmt. Wir müssen nur herausfinden, was es damit auf sich hat."

El' Roth nickte anerkennend. "Das ist eine Möglichkeit, der wir unbedingt nachgehen sollten! Zuerst müssen wir aber ermitteln, welches Ornament zu welchem Wächter gehört."
Dieses Unterfangen erwies sich jedoch schwieriger, als es zunächst schien und so dauerte es noch eine ganze Weile, ehe die Wächter herausfanden, wie sie alle acht Zeichen aktivieren konnten, denn es kam nicht nur darauf an, dass jeder das ihm zugeordnete Bild berührte, sondern auch auf die Reihenfolge, in der sie das taten. Doch zu guter Letzt lösten sie das Rätsel. Nacheinander stellte sich jeder auf das zu ihm gehörende Zeichen. Als endlich auch das letzte Bild aktiviert war, hielten alle den Atem an und warteten, was nun folgen würde.

Nichts geschah, alles schien wir vorher und die gespannte Erwartung schlug in Enttäuschung um. Doch halt! Jetzt tat sich etwas. Das Symbol in ihrer Mitte begann nun ebenfalls zu leuchten. Die sich darüber befindliche Luft schien sich zu verzerren, flirrte und bildete seltsame Bläschen. Allmählich ballten sich diese zu einer Form zusammen, glichen nun fast einem durchsichtigen Körper, der mehr und mehr Gestalt annahm.
Mit einem Male erlosch das Leuchten der Bilder am Boden, doch in der Mitte der acht Wächter stand jetzt ein in eine blaue Kutte gekleideter, weißbärtiger Greis und nickte ihnen freundlich zu. "Ich danke euch! Ihr habt nicht nur all eure bisherigen Prüfungen erfolgreich gemeistert, sondern dabei auch den Regenbogenturm befreit und mir meinen Körper gegeben. Von nun an werde ich, der Hohe Wächter Eldradorm, euch mit Rat und Tat zur Seite stehen, denn das ist meine Bestimmung."



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