Erschaffungsmythos - 6. Geschichte

Der Regenbogenturm

achdem durch die Auseinandersetzung der Wächter das Atoll der Jahreszeiten entstanden war, zog Var'is wieder und wieder ihre Kreise darüber hinweg. Stolz betrachtete sie das kleine Reich, das sie und die anderen Wächter geschaffen hatten. Doch dann stutzte sie. Genau in der Mitte des großen Sees hatte allem zum Trotz ein Stück des hässlichen Nichts überlebt und störte mit seiner Anwesenheit die Harmonie des Atolls. Aufgeregt flog die Wächterin zu den anderen, um ihnen von ihrer Entdeckung zu berichten.

Als Var'is von der leeren Stelle erzählt hatte, runzelte Rakhil die Stirn. Ausgerechnet sein Teil des Atolls sollte nicht vollkommen sein? Unglaublich! Er begab sich zu dem besagten Ort, um sich selbst davon zu überzeugen, und tatsächlich, Var'is hatte sich nicht geirrt. Inmitten des himmelblauen Wassers fehlte ein Stück. Das musste sofort geändert werden!
Sogleich schickte Rakhil eine kleine Welle, die das Loch in seinem See verschließen sollte. Doch was war das? Plätschernd ergoss sich das Wasser in das Nichts und verschwand darin, als wäre es nie dagewesen. Scheinbar hatte Rakhil sich verschätzt und das Nichts war um vieles größer, als er zuerst angenommen hatte. Erneut versuchte er die leere Stelle zu füllen, diesmal mit einer größeren Wassermenge. Doch wie zuvor behauptete sich das Nichts in seinem vollen Umfang.

Langsam wurde Rakhil wütend. So sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, das Nichts auszulöschen. Schließlich gab er vor Erschöpfung auf und kehrte unverrichteter Dinge zu seinen Gefährten zurück. Dort angekommen meinte er:

"Es ist wahr, in der Mitte des Sees ist ein leerer Platz. Zuerst wollte ich ihn einfach mit Wasser ausfüllen, aber dann kam mir der Gedanke, dass mein Teil des Atolls bereits groß genug ist und ich dieses Fleckchen doch auch einem meiner Freunde zum Geschenk machen könnte."

Er wandte sich dem Wächter der Erde zu:

"Ich möchte dir diesen Ort als Zeichen unserer Freundschaft überlassen. Ich bin sicher, eine kleine Insel in der Mitte meines Sees wäre recht nett anzusehen."

El'Roth war sichtlich erfreut und machte sich sogleich auf den Weg. Die anderen lobten indessen das großzügige und kameradschaftliche Handeln Rakhils. Dieser bereute bereits seine Lüge und vermied es, den anderen Wächtern in die Augen zu schauen. Unruhig blickte er der Rückkehr El'Roths entgegen. Nach geraumer Zeit fand sich dieser endlich wieder bei seinen Kameraden ein und meinte, dass er das Geschenk Rakhils nicht annehmen könne. Stattdessen würde er es gern Aarun'kal überlassen und ihr damit seine Ehrerbietung erweisen.

Die Wächterin des Feuers dankte ihm überschwänglich und dampfte sogleich ab, um den See mit dem schönsten Vulkan aller Zeiten zu verzieren. Doch auch sie kehrte wenig später zurück, um das Geschenk ebenso großzügig an den nächsten weiterzureichen. So ging das reihum, bis auch der letzte Wächter erfolglos versucht hatte, das Nichts in der Mitte des Sees zu besiegen. Betretene Stille machte sich unter den Wächtern breit. Nach einer Weile brach Rakhil endlich das Schweigen. Reumütig gestand er den übrigen Wächtern seine Flunkerei, worauf einer nach dem anderen zugab, ebenfalls nicht in der Lage gewesen zu sein, das Loch im See zu beseitigen.

"Wir sollten uns endlich wie richtige Freunde benehmen und uns nicht mehr gegenseitig belügen und hintergehen!", schlug Bel-Saj vor.

Die anderen nickten und so schworen sich die acht Wächter, von nun an immer zusammenzuhalten.
Als erstes beschlossen sie, gemeinsam gegen das Nichts im See vorzugehen. Dazu stellten sie sich im Kreis um das Loch herum auf und richteten ihre Kräfte auf dessen Mittelpunkt. Sowie die Energien der acht Wächter aufeinandertrafen, vereinten sie sich zu einer grell leuchtenden Wolke, die das Nichts umhüllte und kurz darauf in ihm verschwand. Danach herrschte Totenstille. Nichts regte sich, sogar das Wasser bildete eine spiegelglatte Fläche.

Die Wächter befürchteten schon, dass sie auch gemeinsam keine Macht über das Nichts hatten, als dieses plötzlich in verschiedenen Farben zu fluoreszieren begann. Immer schneller wechselten die Farben und dann wurde das Atoll derart heftig erschüttert, dass die Wächter sich nur mit Mühe auf den Beinen halten konnten. Gebannt beobachteten sie den leuchtenden Fleck in ihrer Mitte, aus dem nun etwas emporzuwachsen schien. Höher und höher wuchs das seltsame Ding, bis weit in den Himmel hinein. Staunend sahen die Wächter mit an, wie es allmählich die Formen eines riesigen Bauwerkes annahm.

Schließlich war der Zauber vorbei. Das Beben und Zittern verebbte und alles schien wieder in seinen gewohnten Bahnen zu laufen. Doch an jenem Ort, wo sich zuvor das Nichts befunden hatte, stand jetzt ein gewaltiger Turm, dessen Oberfläche so glatt und fugenlos war, als wäre das ganze Gebäude aus einem einzigen Stück gegossen. Das Licht der Sonne ließ den Turm in den verschiedensten Farben schimmern. Hier und da entsprangen dem Hauptteil des Bauwerkes kleinere, nach oben spitz zulaufende Türmchen, die diesen und auch sich selbst wie lebendige Schlangen umwanden oder sich, den Ästen eines Baumes gleich, dem Licht entgegenreckten. Eines dieser Türmchen ragte soweit in den Himmel hinauf, dass man seine Spitze mit bloßem Auge gar nicht mehr erkennen konnte.
Neugierig näherten sich die Wächter dem Gebäude, dessen Fuß von Nebelschleiern umhüllt war. Das riesige Eingangstor, welches auch einem sechs Mann hohen Riesen bequem Platz geboten hätte, öffnete sich vor ihnen und gab mit einem tiefen Knarren den Weg in das Innere des Turmes frei.



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