Erschaffungsmythos - 5. Geschichte

Das Atoll der Jahreszeiten

ls die Wächter nach Rhejvans Ableben aus den Tiefen Rhejvandars geboren worden waren, um an Stelle des Gottes über die neue Welt zu wachen, machten sich die acht Überwesen auf den Weg zu einem fernab gelegenen Ort. Nach einem langen Marsch, der drei Tage und Nächte währte, trafen alle Wächter endlich an ihrem gemeinsamen Ziel ein. Vor ihnen, inmitten des Ozeans, lag ein merkwürdiger, kreisförmiger Ort, der aus absolut nichts zu bestehen schien. Es war, als wenn das Wasser an den Rändern dieser Stelle regelrecht abgeschnitten wurde.

Etwas irritiert blickten die acht so unterschiedlichen Wesen auf den leeren Fleck zu ihren Füßen. "Was hat das zu bedeuten?", brach Var'is das Schweigen. "Wieso ruft man uns zu einem Ort, an dem überhaupt nichts existiert?" Sie tippte mit dem Finger an das Nichts und rümpfte die Nase. "Hier gefällt es mir aber gar nicht."
El'Roth nickte nachdenklich. "Vielleicht ist es unsere Aufgabe, dieses Nichts mit etwas zu füllen." Ohne auf die Antwort der anderen zu warten, hob er flüchtig seine Hand und wie durch ein Wunder wuchsen mächtige Gebirge aus dem Nichts empor.
"Pfff!", fauchte Kay-Thrijs frostig. "Aus welchem Grund sollten hier ausgerechnet langweilige Stein- und Erdhaufen entstehen? Jemand anderes sollte über das Schicksal dieser Stätte bestimmen, jemand mächtiges!" Mit diesen Worten ließ die Eiswächterin ihren kalten Atem über die Berge fegen und zauberte eine Landschaft aus Schnee und Eis daraus.
"Dann wirst du das garantiert nicht sein!", schnaufte Aarun'kal verächtlich. Sie schmolz das Eis mit einem ihrer Hitzeblicke und schuf stattdessen eine wahre Flammenhölle. "Gegen mein Feuer hat dein lahmes Eis nicht die geringste Chance", höhnte sie. Aber da mischte sich auch schon Rakhil ein und löschte mit einer riesigen Flutwelle das Feuer. Triumphierend schaute er sich um, wurde jedoch gleich von Bel-Saj zur Seite geschoben. Lachend demonstrierte dieser seine Macht und befahl der Sonne, das Wasser mit ihren heißen Strahlen verdunsten zu lassen. Ghomol kichterte hämisch und ließ fauligen Morast auf die anderen Wächter herabfallen. Obendrein hetzte er ganze Schwärme stechender Insekten auf seine Konkurrenten.

"Lasst doch diesen Unfug!", versuchten El'Roth und Tha_Ira die Hitzköpfe zu beschwichtigen, doch diese kamen jetzt erst richtig in Fahrt. Jeder versuchte die Oberhand zu gewinnen und das Resultat war das reinste Chaos.
Eispfeile, Feuerbälle und Flutwellen sausten abwechselnd in alle Himmelsrichtungen. Blitze schossen hernieder, die Erde bebte, Pflanzen wuchsen und versanken gleich darauf im giftigen Moder. Zwischen all dem Gewirr brauste Var'is lachend umher und wirbelte die Streithähne mit kräftigen Windstößen durcheinander.

So ging das eine ganze Zeit lang, aber schließlich hielten alle erschöpft und beschämt inne. Sie erkannten, dass jeder von ihnen gleichermaßen wichtig war und niemand die alleinige Macht haben sollte. Nur gemeinsam würden sie ihren Aufgaben gerecht werden können.
Nachdem sie endlich Frieden geschlossen hatten, stellten die Wächter überrascht fest, dass durch ihren Streit aus dem vorherigen Nichts eine Insel entstanden war, auf der deutliche Spuren von jedem einzelnen zu erkennen waren.
Umgeben von riesigen Bergketten reihten sich eine Schneelandschaft, eine blühende Wiese und eine Sandwüste dicht aneinander, gefolgt von feuerspeienden Bergen, einer Ebene mit früchtetragenden Bäumen sowie einem Sumpf mit giftigen Nebelschwaden. In der Mitte von allem hatte sich ein großer, tiefer See gebildet.

Wo eben noch gähnende Leere geherrscht hatte, prangte nun eine ringförmige Insel, die den großen, blauen See in ihrer Mitte einrahmte. Und für jeden der Wächter gab es ein kleines Stückchen der Insel, über das er regierte, außer für Var'is, doch die lachte nur und blies die Backen auf. Ihr war es einerlei - ob als laues Lüftchen über den blühenden Wiesen, als heißer Sandsturm in der Wüste oder klirrend kalter Eiswind über schneebedeckten Bergen, sie war überall gleichermaßen zu Hause und fröhlich sauste die Wächterin der Luft über die Köpfe der anderen hinweg.
Die Insel aber wurde später das "Atoll der Jahreszeiten" genannt, da dort alle Jahreszeiten gleichzeitig herrschten.



Nächste Geschichte
Buch der Mythen