Erschaffungsmythos - 1. Geschichte

Die Erschaffung Rhejvandars

ie schon so oft befand sich Rhejvan auf einem Streifzug durch die schier endlosen Weiten seines Reiches, um den trübsinnigen Gedanken des Alltags eines Gottes zu entfliehen. Schon lange war er des Schöpfertums überdrüssig und hatte sich sozusagen zur Ruhe gesetzt. Zu viele Welten hatte er in seinem langen Götterleben bereits erschaffen, und viel zu oft hatte er mit ansehen müssen, wie sie nach einer kurzen Zeitspanne wieder erloschen. Jedesmal war es der gleiche Ablauf. Alles schien sich immer nach dem selben Muster zu wiederholen. All die verschiedenen Völker, die Rhejvan geschaffen hatte, um seinen Welten Leben einzuhauchen, begannen früher oder später damit, ihren Schöpfer und Beschützer zu verleugnen. Über Jahrhunderte hinweg hatten sie ihren Gott verehrt und nach seinen Regeln gelebt, waren aufgeblüht und ebenso wie ihre Heimat prächtig gediehen. Doch irgendwann war ihnen das nicht mehr genug, sie hörten auf, an Magie zu glauben, wollten jedes noch so kleine Wunder wissenschaftlich belegen. Sie begannen nach Macht zu streben, wollten selbst Schöpfer und Herrscher über die Natur sein. Statt Rhejvan weiterhin zu folgen, verehrten sie blecherne Kisten mit blinkenden Lichtern, legten ihr Schicksal in die metallenen Hände von seelenlosen Maschinen.

Je mehr seine Zöglinge den Glauben an ihren Gott verloren, um so mehr schwand auch Rhejvans Einfluss auf ihr Schicksal. Ohnmächtig musste er mit ansehen, wie die einst so strahlende Welt zu Grunde gerichtet wurde und schließlich unterging - immer wieder.
Irgendwann hatte es Rhejvan satt gehabt. Nie wieder wollte er eins seiner Kinder sterben sehen und er hörte auf zu schöpfen, bis zu dem Tag, an dem er eine besonders lange Reise unternahm und an einem hübschen Fleckchen seines Universums Rast machte. Hier war er schon ewig nicht mehr gewesen. Rhejvan konnte sich gar nicht erinnern, dass es hier schon immer so schön gewesen war. Zwei unterschiedlich große Sonnen teilten sich diesen Platz und strahlten in vollem Glanz. Die eine weißgelb, die andere, etwas kleinere, in hellem Purpur. Rhejvan genoss den Anblick und pötzlich meldete sich in ihm etwas, was er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte, der Wunsch, etwas Neues zu erschaffen.

Oh ja, genau hier an diesem idyllischen Ort fehlte noch das Eine, das gewisse Etwas, um den Zauber zu vollenden. Eine Welt mit strahlendem Himmel, mit vielen weißen, flauschigen Wölkchen, plätscherndem Wasser und riesigen Bergen, deren Spitzen im Nebel verschwanden. Eine Welt voller Leben, voller Magie und voll mit wundersamen Dingen. Noch nie zuvor hatte der Gott solch einen Enthusiasmus verspürt und voller Eifer ging er ans Werk. Rhejvan scheute keine Mühen und schuftete Tag und Nacht, formte Berge und Täler, ließ riesige Wälder wachsen, füllte Meere und Seen mit dem klaresten Wasser, das man je zu Gesicht bekommen hatte, und erschuf eine Tier- und Pflanzenwelt, so artenreich und so farbenprächtig wie keine zuvor. Diese Welt sollte sein Meisterstück werden.

Rhejvan schonte sich nicht und arbeitete ohne Unterlass. Seine Hände waren bereits zerschunden von der harten Arbeit und bluteten. Der Schweiß rann ihm in Bächen von der Stirn. Fiel ein Tropfen seines Blutes zu Boden, so entstand an dieser Stelle ein Vulkan mit glühender Lava, aus jeder Schweißperle entsprang ein sprudelnder Quell und aus Rhejvans heißem Atem bildeten sich schneeweiße Wolken, die sich am Himmel tummelten.

So plagte er sich neun Tage und neun Nächte lang, dann konnte er sich endlich zurücklehnen und sein Werk betrachten. Zufriedenheit machte sich in ihm breit, denn er wusste, dass er mit dieser Welt etwas ganz besonderes erschaffen hatte.



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