Die Legende von Myn

m Fuße des Pilikey-Gebirges lag einst das kleine Hjalvendorf Elmze. Die Bewohner waren einfache Bauern, die Ackerbau und Viehzucht betrieben, um sich und ihre Familien ernähren zu können. Doch leider war ihnen das Glück nicht wohl gesonnen. Oft wurde Elmze von Erdbeben und Vulkanausbrüchen heimgesucht, die jedesmal große Verwüstung hinterließen. Eines Tages, nachdem das Dorf wieder einmal von einem besonders schlimmen Beben fast völlig zerstört worden war und viele der Einwohner den Tod gefunden hatten, beschlossen die Überlebenden fortzuziehen und einen sicheren, fruchtbaren Ort zu suchen, an dem sie eine neue Siedlung gründen konnten. So packten sie all ihre verbliebene Habe zusammen und machten sich auf den Weg.

Eines Tages wurden sie auf ihrer Reise von einem schweren Unwetter überrascht. Froebiard, einer der Männer, die den Trupp anführten, fand den Eingang zu einer Höhle. Dort suchten die Reisenden Unterschlupf und hofften, dass sich die Wolken bald verziehen würden und sie ihre Suche so bald wie möglich fortsetzen konnten. Doch auch diesmal war ihnen das Glück nicht hold. Zwei Tage und Nächte hielt das Unwetter an und die heftigen Regengüsse lösten einen Erdrutsch aus, der den Höhlenausgang unter sich begrub.
Entsetzen machte sich unter den Hjalven breit, als sie feststellten, dass der Weg nach draußen von einer dicken Schicht aus Erde und Steinen versperrt war. Mit Graben war hier nichts auszurichten. Der kleinen Schar blieb nichts weiter übrig, als tiefer in den Berg vorzudringen und zu beten, dass ihr steinernes Gefängnis noch einen weiteren Ausgang besaß.

Mehrere Tage irrten sie so in den verzweigten Gängen umher. Ein Großteil der Nahrungs- und Trinkwasservorräte war bereits aufgebraucht und die Hoffnung auf Rettung schwand zusehends. Doch dann gewahrten einige der Männer, die vorangingen, ein rötliches Leuchten am Ende eines Stollens. Neuen Mut schöpfend hielt die Truppe auf das Licht zu und gelangte schließlich zu einer kleinen Grotte. Aus deren Wänden und der Decke wuchsen farblose Pflanzen, die den Siedlern völlig unbekannt waren. Ihre langen, armdicken Triebe waren zu einem dichten Gewirr verwoben, in dessen Mitte man einen sonderbaren, roten Klumpen, wahrscheinlich die Frucht des Gewächses, erkennen konnte. Von diesem Gebilde ging ein sanftes, rotes Leuchten aus, das Licht, welches die Männer gesehen hatten.
Enttäuscht und erschöpft brachen einige der Frauen und Kinder zusammen. Die Strapazen der letzten Tage forderten ihren Tribut. Weinen und Schluchzen hallte durch die unterirdischen Gewölbe. Alles schien verloren.

Trotz der Ausweglosigkeit ihrer Lage war Froebiard unterdessen näher an die Pflanzenstränge herangetreten. Neugierig betrachtete er diese seltsame, leuchtende Frucht. Einige seiner Kameraden rieten ihm, vorsichtig zu sein, doch Froebiard ließ sich nicht davon beirren. Behutsam berührte er den roten Klumpen. Er fühlte sich warm und etwas glitschig an.

Überrascht spürte Froebiard, wie sich bei dieser Berührung eine angenehme Frische in ihm ausbreitete. Es schien, als wenn alle Müdigkeit von ihm abgefallen wäre, und als der Mann dieses merkwürdige Ding losließ, fühlte er sich so stark und erholt, als hätte es die Plagen der letzten Tage nie gegeben.
Sogleich eilte Froebiard zu seinen Kameraden, um ihnen von dieser Entdeckung zu berichten. Während die einen eher skeptisch und zurückhaltend auf diese Neuigkeit reagierten und die mysteriöse Frucht lieber aus der Ferne betrachteten, wagten sich andere neugierig vor, um selbst die wundersame Erfrischung zu erfahren. Und jeder, der die rote Frucht berührte, kam ebenso erquickt zurück wie Froebiard. Sogar ein paar der völlig erschöpften Frauen und Kinder erholten sich zusehends.

Ein älterer, grauhaariger Mann, der dem Treiben aus dem Hindergrund zugesehen hatte, drängte sich plötzlich mit einem unterdrückten Aufschrei nach vorn und fiel auf die Knie. Völlig außer sich stieß er immer wieder die selben Worte hervor: "Das Herz, ...es ist das Herz!"

Endlich begriffen es auch die anderen.
"Allmächtiger! Das muss das Herz Rhejvans sein. Seht doch hin!"
Die Hjalven sanken auf den Boden und neigten ihre Häupter in tiefer Ehrfurcht. Der alte Mann hatte sich inzwischen wieder etwas beruhigt und stimmte ein Gebet an, in welches alle Anwesenden einer nach dem anderen einstimmte. Gemeinsam flehten sie um ihre Errettung, und dass Rhejvan sie sicher in eine neue und fruchtbare Heimat führte.

Ein Zucken lief plötzlich durch den roten Klumpen inmitten der ihn umgebenden Pflanzenstränge. Staunend konnte die Schar mit ansehen, wie das Herz zu schlagen begann. Es schlug immer heftiger, so dass die Grotte erbebte und sich Risse im Boden auftaten. Angst machte sich breit und die Reisenden flüchteten in blankem Entsetzen. Doch noch ehe sich auch nur jemand richtig versah, wurden riesige Teile der Höhle mitsamt allen Insassen in einer gewaltigen Explosion weit in den Himmel empor geschleudert, wo sie nach langem Flug schließlich zum Stillstand kamen.
Als sich die Hjalven von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, verließen sie die Höhlen und fanden sich auf einer Art großen Insel wieder, die allerdings nicht wie gewohnt von Wasser umgeben war, sondern hoch am Himmel schwebte.
Die Erde war mit saftigem Gras und unzähligen Blumen überzogen. Überall wuchsen Beeren und Früchte an Bäumen und Sträuchern. Es war wie im Paradies.

Ringsum gab es noch viele weitere und ebenso fruchtbare Inseln. Nun konnten die Männer und Frauen ein neues Zuhause für sich und ihre Familien aufbauen. Rhejvans Herz hatte ihre Bitten erhört und ihnen geschenkt, wonach sie die ganze Zeit gesucht hatten. Ein neues Reich war entstanden, das schwebende Land. Die Siedler gaben ihm den Namen Myn und begannen sogleich emsig mit der Arbeit.

Schon nach kurzer Zeit bemerkten einige von ihnen neue, ungewohnte Fähigkeiten an sich. Froebiard war der erste. Immer häufiger wurde er von Visionen heimgesucht, in denen er vergangene, aber auch zukünftige Ereignisse sehen konnte. Schon wenig später berichteten auch andere von ähnlichen Erfahrungen. Manche waren sogar plötzlich imstande, Dinge aus dem Nichts zu erschaffen, Feuer nur mit ihrem Willen zu entfachen oder es aus heiterem Himmel regnen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass all jene betroffen waren, die das Herz Rhejvans in der Grotte berührt hatten, und ihre neuen Gaben wurden seitdem auch an all ihre Nachkommen weiter vererbt.

Die Hjalven, die keine besonderen Fähigkeiten erhalten hatten, begannen sich mehr und mehr abzusondern. Sie beschlossen, sich in das unterirdische Höhlenlabyrinth zurückzuziehen. Fortan lebten sie dort und befassten sich mit dem Abbau von Erzen und Mineralien sowie deren Verarbeitung. Die übrigen Bewohner Myns blieben auf der Oberfläche des schwebenden Landes, wo sie weiterhin ihre Felder und Obstplantagen bebauten. Auf diese Weise entstanden im Laufe der Jahre die zwei unterschiedlichen Völker, die seitdem das schwebende Land bewohnten, die Myn' Kho und die Myn' Thao.



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