Rückkehr der Weißen Drachen

inst gab es neun Drachenstämme auf der Welt. Acht davon, boshaft und arglistig, fügten anderen Lebewesen Schaden zu, wann immer sich ihnen Gelegenheit bot. Sogar die Stämme untereinander bekriegten sich, da jeder der acht Drachenanführer für sein Rudel den höchsten Rang und für sich selbst den Herrschertitel beanspruchte.

Doch eines Tages tauchte der neunte Drachenstamm auf. Diese Geschöpfe waren viel größer und stärker als die anderen Drachen, sie waren sanftmütig und sie waren wunderschön. Mit ihren gewaltigen Schwingen konnten sie hoch in den Himmel emporsteigen und ihr weißes Schuppenkleid schimmerte und glänzte im Sonnenlicht. Sie kamen von Myn, dem schwebenden Reich, das durch eine schlimme Katastrophe zerstört worden war und nun in Schutt und Asche lag. Ihrer einst so prächtigen Heimat beraubt, mussten sich die Weißen Drachen auf die Äußere Welt herab begeben, wo sie auf der Insel Seridos ein neues Zuhause fanden. Mit ihnen zog der Frieden unter den übrigen Drachen ein, denn diese akzeptierten die Neuen schon bald als ihre Führer, ohne dass es großartiger Gewalt bedurfte. Auch die Rhejvandari konnten nun unbeschwerter und ohne Angst, dass ihre Dörfer von einer wilden Drachenhorde überfallen wurde, leben.

Doch lange sollte dieser Frieden nicht währen. Die Weißen Drachen verhielten sich Rhejvandari gegenüber freundlich und zutraulich, was ihnen schon bald zum Verhängnis wurde. Auf Myn hatte es niemanden gegeben, der ihr Vertrauen missbrauchte, doch nun war das anders. Immer öfter kamen Männer, um die Weißen Drachen zu jagen, denn ihre Schuppen und Hörner waren aus einem derart exzellenten Material, dass Waffenschmiede und Rüstungsbauer horrende Preise dafür zahlten. In ihrer Gier nach Reichtum verfolgten die Jäger die Weißen Drachen gnadenlos, bis nur noch ein einziges Exemplar ihrer Art übrig war.
Eines Tages trug es sich zu, dass ein Jäger den letzten Weißen Drachen in seiner Höhle aufstöberte und erlegte. Im Angesicht des Todes stieß der sterbende Drache einen Schrei aus, der bis zu den entlegendsten Winkeln Rhejvandarszu hören war und jeden, der ihn vernahm, ganz gleich ob Rhejvandari oder Tier, tief erschütterte. Auch die anderen acht Drachenstämme erfuhren so vom Tod ihres letzten weißen Artgenossen und versammelten sich, um gemeinsam zu trauern. Die acht Rudelführer begaben sich zu der Höhle und trafen dort auf den Meuchler ihres Gefährten, der gerade damit beginnen wollte, seine Beute zu zerlegen. Der Anblick der vielen Ungetüme versetzte den Jäger in Schrecken. Aus Angst um sein Leben ergriff er die Flucht, auf der er in eine Schlucht stürzte und sich das Genick brach.

Der Anblick des toten Drachen versetzte die Stammesführer in Wut und sie schworen bittere Rache. Bevor sie sich wieder auf den Heimweg begaben, nahm jeder von ihnen einen kleinen Teil des toten Körpers an sich, um so das Andenken an den Weißen Drachen für immer zu bewahren und ihrem Freund die letzte Ehre zu erweisen. Der erste nahm ein Auge, der zweite einen Zahn, der dritte eine glänzende Schuppe, der vierte ein Horn, der fünfte wählte eine Kralle, der sechste füllte etwas Blut in eine Phiole, der siebente schnitt ein Stück Haut aus einem Flügel und der achte schließlich nahm sich das Herz. Danach verließen sie die Höhle und ihre Wege trennten sich. Ein jeder brachte seinen Teil an einen sicheren Ort, wo er als "Heiliges Drachenrelikt" über viele Jahre hinweg verehrt und bewacht wurde. Die Rhejvandari aber mussten sich seither wieder vor den Drachen hüten, denn diese nahmen Rache an jedem, der ihnen begegnete.

Der Körper des Weißen Drachen versteinerte mit der Zeit, doch aus dem Höhlenboden, in den das Drachenblut versickert war, entsprang wie durch ein Wunder ein sprudelnder Quell, so klar und rein, wie niemand zuvor gesehen. Mit der Zeit gerieten die Ereignisse immer mehr ins Vergessen, nur Geschichten und Märchen erzählten noch vom Drachenquell und den heiligen Drachenrelikten.
Zu Beginn des sechsten Jahrhunderts jedoch entdeckten sechs tapfere Helden die Höhle mit der Quelle und dem steinernen Drachen. Sie wussten um die Legende, die sich um diesen Ort rankte, und so machten sie sich auf den Weg und ruhten nicht eher, als bis sie alle acht Relikte gefunden hatten. Damit brachen sie den Bann, der die Seele des Drachens im Stein gefangen hielt, und der letzte Weiße Drache wurde wiedergeboren und somit zum ersten seiner neu aufsteigenden Art.



Der letzte Weiße Drache

Einst stolzer Herr der Lüfte genannt,
sanftes Herz, durchbohrt von gierigem Stahl,
aufbäumend sich in letzter Qual,
nun ruhet er kalt, in Stein gebannt.

Der Boden getränkt von heißem Blut,
fahles Auge, erloschen die feurige Glut.
Doch findet die acht, die heiligen,
die im reinen Quell sich vereinigen,
und zerspringen soll der Käfig aus Stein,
die schlafende Seele endlich befrei'n.




Buch der Mythen