Erschaffungsmythos - 8. Geschichte

Der neunte Wächter

achdem durch ihr Zutun der Regenbogenturm aus den Tiefen des Ozeans aufgetaucht war, hatten die acht Wächter darin diesen Saal mit den fremdartigen Symbolen entdeckt. Nach einiger Zeit war es ihnen gelungen, das Rätsel der Schriftzeichen zu entschlüsseln, worauf ein alter Mann wie aus dem Nichts erschienen war und sich als der Hohe Wächter Eldradorm vorgestellt hatte.

Überrascht und neugierig blickten die acht Wächter auf den Greis, der leicht gebeugt, doch mit blitzenden Augen in ihrer Mitte stand. Trotz seiner gebrechlich wirkenden Gestalt klang die Stimme des Alten fest und kraftvoll:
"Die Existenz des Regenbogenturmes, ebenso wie die meinige, beweist, dass ihr nach den anfänglichen Problemen eure Zusammengehörigkeit nun endlich erkannt habt. Nur gemeinsam werdet ihr diese Welt behüten und in die Zukunft führen können, denn das ist eure Aufgabe. Dieser Turm hier wird von nun an unser gemeinsames Zuhause sein. Im Saal der Wächter, wo wir uns gerade befinden, werdet ihr euch versammeln, wenn ihr euch über die Geschehnisse in Rhejvandar austauschen wollt oder wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. In der Zwischenzeit werdet ihr viel in der Welt zu tun haben, denn jeder von euch wird sein eigenes Reich besitzen, in dem er für Ordnung zu sorgen hat."

Mit einem leisen Räuspern unterbrach Bel-Saj den Redeschwall des Greises.
"Wie genau soll das vor sich gehen? Woher erhält ein jeder von uns sein Reich?"
Der Alte lächelte milde und fuhr fort:
"Ihr selbst werdet euch einigen, wem welche Gebiete Rhejvandars zugeordnet werden. Und nicht nur das, auch all die lebenden Wesen brauchen einen von euch als führende Kraft, die sie beschützt oder sie zur Ordnung ruft, falls sie einmal vom rechten Weg abkommen sollten. Dies wird eure nächste Prüfung sein, denn ihr müsst entscheiden, wer ein bestimmtes Land oder Volk am besten leiten kann."

Ein leises Raunen ging durch den Kreis der Wächter und sie warfen sich scheue Blicke zu. Waren sie dieser Prüfung gewachsen? Und auch andere Fragen drängten sich ihnen auf. Welche Rolle spielte Eldradorm selbst dabei? Gehörte auch ihm ein solches Reich? Und dieser Regenbogenturm, die unzähligen Türen in ihm, was verbarg sich dahinter?
Eldradorm trat mit leisen Schritten aus dem Kreis heraus und verließ das Podest, um es sich auf einem Diwan bequem zu machen, der in einem seitlichen Bereich des Saales stand. Dann winkte er auch die anderen heran.

In der Nähe des Diwans befanden sich verschiedene Sitzkissen und -hocker, die allesamt sehr edel und kostbar aussahen. Die Wächter ließen sich darauf nieder, um Eldradorms Erklärungen zu lauschen.
"Hinter jeder der vielen Türen befindet sich ein weiterer Raum oder eine Kammer. In einigen davon befinden sich Portale zu anderen, fremden Welten. Viele jedoch sind noch leer, doch auch das wird sich schon bald ändern. Niemand weiß, wie viele Zimmer es insgesamt gibt, denn ihre Zahl ist nicht konstant. Es liegt an euch, diese Kammern mit eurem Wissen und euren Erfahrungen zu füllen. Darum müsst ihr hinaus in die Welt ziehen und alles mit eigenen Augen sehen."

"Wirst du nicht mit uns kommen?" fragte Var'is zaghaft, denn ein wenig machte ihr der Gedanke Bange, schon bald wieder allein durch die große weite Welt reisen zu müssen.
"Nein mein Kind, ich werde diesen Turm hier niemals verlassen, denn es ist mir unmöglich."
Der Alte schmunzelte ob der verwunderten Blicke der anderen und fuhr fort:
"Wisset, der Hohe Wächter ist kein gewöhnlicher Wächter, wie ihr es seid. Ich besitze keinen eigenen Körper. Nur durch euch und nur hier kann ich existieren, nur durch eure Anwesenheit im Regenbogenturm kann ich in dieser Gestalt manifestieren. In diesem Körper steckt ein Teil von jedem einzelnen von euch. Und jeder von euch trägt einen Teil von mir in sich. Alles, was ihr auf euren zukünftigen Reisen seht, was ihr lernt und erfahrt, werde auch ich sehen und wissen. Ich werde zusammen mit eurer Erfahrung wachsen. Aber ich weiß auch um Dinge, die sich eurer Kenntnis entziehen, weil es noch nicht an der Zeit ist. Manches davon werdet ihr möglicherweise auch nie erfahren, weil es sich dabei einfach um ein zu gefährliches Wissen handelt, aber das soll die Zukunft zeigen."

Eldradorm schwieg kurz und erzählte dann leise weiter:
"Mein wahres Zuhause ist nicht die Welt, die ihr bereits kennengelernt habt und die hier überall um euch herum seht. Meine Heimat liegt tief unter der Oberfläche Rhejvandars, denn ich bin der Wächter der Inneren Welt, die von Magie beherrscht wird."
Und mit einer weit ausholenden Handbewegung fügte er hinzu:
"Doch hier oben in der Äußeren Welt ist der Regenbogenturm mein Reich. Zwar wird es unter Umständen auch an einigen anderen Orten auf der Oberfläche Rhejvandars möglich sein, mit mir in telepatischen Kontakt zu treten, aber hier werde ich immer auf euch warten und euch, wenn nötig, mit meinem Rat zur Seite stehen, denn dies ist meine Bestimmung. Nun ist es aber an der Zeit, dass ihr auch der eueren folgt! Die nächste Prüfung wartet bereits."



Nächste Geschichte
Buch der Mythen